Kapitalismus, bis zum bitteren Ende durchgespielt, more movies about buildings and families sowie ein grandioses Linklater-Double-Feature: Das waren die Highlights der 63. Ausgabe der Viennale.
Sentimental Value
Mit seinem in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichneten Follow-up zu The Worst Person in the World erweiterte und vertiefte Joachim Trier die Themenwelt jenes Konsens-Hits – die Identitätsfindung einer jungen Frau – um eine explizit familiäre Dimension. Sentimental Value nutzte die Geschichte von zwei Schwestern und ihrem entfremdeten Vater, einem einst gefeierten, narzisstischen Filmregisseur im Kreativtief, um über Erinnerung, Kunst und die Aneignung gelebter Erfahrung zu sinnieren. Dreh- und Angelpunkt hier: ein großes, altes Haus in Oslo, das als emotionaler Speicherort einer Familiengeschichte fungierte. Formal weckte dies unweigerlich Assoziationen mit Ingmar Bergman, doch Trier übersetzte dessen psychologische Strenge in eine zeitgenössische Filmsprache, die von Zärtlichkeit und Ironie geprägt war. In dieser Studie über generationenübergreifende Traumata und die (Un-) Möglichkeit von Nähe waren es denn auch vor allem die Zwischentöne, die den Regisseur im Verbund mit seinem langjährigen Drehbuchpartner Eskil Vogt und dem Top-Darstellertrio – Renate Reinsve (great again!), Stellan Skarsgård, Inga Ibsdotter Lilleaas – interessierten. Sentimental Value lebte von Blicken, Pausen und allem, was unausgesprochen blieb. Der Film zeigte, wie tief familiäre Muster eingeschrieben sein können; beziehungsweise wie schwer es sein kann, ihnen zu entkommen.
Nouvelle Vague/Blue Moon
Dass Richard Linklater als unermüdlicher Chronist verfließender Zeit und brillanter Dialogregisseur gilt, erwies sich bei dieser Viennale im Doppelpack als Segen. Schließlich funktionierten sowohl Nouvelle Vague als auch Blue Moon als mitreißende, mitteilungsfreudige Meditationen über den schöpferischen Geist sowie persönliche und kulturelle Umbrüche. In Nouvelle Vague tauchte der Texaner mit offenkundiger Liebe zum Thema in das Paris des Jahres 1959 ein, um die Entstehung von Außer Atem, des ewigen Klassikers von Jean-Luc Godard, nachzuzeichnen. Trotz körnigem Schwarz-Weiß und einer Kadrierung im 4:3-Format kam das zu keiner Zeit wie eine reine museale Verneigung rüber: Modern gedacht, vor kinetischer Energie sprühend und in höchstem Maße detailverliebt, mutete dieses Unterfangen nachgerade wie ein dokumentarisches Dabeisein an. Ohne den genialen, aber auch schwierigen Regie-Visionär Godard heiligzusprechen, gelang es diesem beschwingten Werkstattbericht, den anarchischen Aufbruchsgeist einer ganzen Generation von Filmemachern exemplarisch einzufangen.
Vom Pariser Aufbruch ging es in eine melancholische Kammerspiel-Atmosphäre: In Blue Moon landeten wir im Manhattan anno 1943, an einem für Lorenz Hart einschneidenden Abend. Während gegenüber das Musical Oklahoma! Premiere feierte, blickte der gefallene Broadway-Texter hier am Bartresen zunehmend bitter auf sein Schaffen und Leben zurück. Getragen von einer fulminanten Performance von Linklaters langjährigem Weggefährten Ethan Hawke wurde hier mit feiner Wehmut verpasste Chancen, künstlerischen Selbstdestruktionstrieb und das bittere Verblassen eines großen Talents verhandelt. Bei aller Heterogenität der Settings fügten sich beide Werke letztlich zu einem nuancenreichen Porträt über die Kunst selbst zusammen: Ein im Doppelpack erbrachter Nachweis dafür, wie leichtfüßig und zugleich schwergewichtig Linklater historische Stoffe mit zeitloser Menschlichkeit zusammenzuführen versteht.
No Other Choice
Selbst wenn Bong Joon-ho mit Mickey 17 den immensen Erwartungen nach Parasite nicht ganz gerecht wurde, musste man sich um das südkoreanische Kino anno 2025 keine Sorgen machen. Einmal mehr sprang Park Chan-wook ein – mit einem Film, der thematisch ähnlich angelegt war wie besagter Oscar-Hit, aber in seiner Umsetzung sehr unique blieb. Park verwandelte Donald Westlakes Roman über einen entlassenen Musterkarrieristen (Lee Byung-hun, Squid Game), der aus Existenzangst beginnt, seine Konkurrenten um einen Arbeitsplatz über den Jordan zu schicken, in einen jener von kontrollierter Grausamkeit geprägten Thriller, die sein Werk seit jeher auszeichnen. Unter der formvollendeten Oberfläche trat diesmal jedoch eine explizite Sezierung des spätkapitalistischen State of Mind zum Vorschein: auf rabenschwarze Weise wurde mit der Logik einer Welt abgerechnet, die Menschen nach ihrer Verwertbarkeit sortiert und in der Gewalt zwangsläufig zur ultimativen Form der Anpassung werden muss. No Other Choice zeigte diese Eskalation mit allen Konsequenzen, nahm dabei seinen Protagonisten und dessen Malaise jederzeit ernst. Mit einem Mix aus Suspense, Seelenschau und Slapstick stellte der Film die schaurige Frage: Wie überlebt man in einer Welt, in der jeder ersetzbar ist?
The Secret Agent
Es liegt nahe, The Secret Agent als Komplementärfilm zu Walter Salles’ letztjährigem I’m Still Here zu lesen. Beide Werke erzählen von politischer Verfolgung während der brasilianischen Militärdiktatur und von Menschen, die versuchen, unter unmenschlichen Bedingungen Haltung zu bewahren. Zudem bezog auch Kleber Mendonça Filhos Politthriller seine Thrills eher aus dem Zustand permanenter Bedrohung als aus einer Anhäufung von Actionszenen. Er richtete seinen Blick dabei auf das soziale Gefüge im Schatten der Diktatur, auf eine fragile Gegenöffentlichkeit. Darüber hinaus war The Secret Agent aber auch ein Liebesbrief ans Kino, wurden die Ereignisse bedacht durch filmische Erinnerung gefiltert: Horrorfilme in Lichtspielhäusern spiegelten die kollektive Paranoia, surreale Brüche – das abgetrennte Bein! – kippten das Geschehen bisweilen gar kurz ins Groteske, ohne den souveränen Erzählton zu unterlaufen. So entfaltete sich dieser politische Albtraum in der ureigenen Sprache seines Ausdrucksmediums: stets mit wilder Überzeichnung kokettierend, dabei jedoch von großer emotionaler Wucht und Wahrhaftigkeit. Nicht zuletzt in einer Welt, in der autoritäre Mechanismen leider wieder allzu vertraut wirken.